Scherbenpark

Scherbenpark





Wenn Sprüche töten könnten

"Ich kann sehr gut verstehen, was in Ihnen vorgeht", säuselt der Ressortleiter. Damit kommt der Zeitungsmann bei Sascha, die ihn wegen der Berichterstattung über den Mörder ihrer Mutter so richtig zusammenfaltet, natürlich nicht durch: "Ach ja? Dann wurde Ihre Mutter also auch umgebracht!?" Die russischstämmige, bildungshungrige Sascha ist 17, wohnt in einem tristen Wohnblock und ist traumatisiert. Ihre einzige Form der Selbstbehauptung ist ihre Sprache - witzig bis ätzend, schlagfertig bis provokant setzt sie die ein. Es gibt viele gelungene Momente, und doch ist der Betrachter womöglich ein wenig betrübt, dass sich das komödiantische Coming-of-Age-Drama "Scherbenpark" gänzlich auf eine begnadete Hauptdarstellerin und ihr Zungenfertigkeit verlässt, ohne Alina Bronskys Romanvorlage wirklich zu würdigen.

Während sich Sascha (Jasna Fritzi Bauer) um ihre kleinen Stiefgeschwister kümmert, versucht sie ein Buch über ihre Mutter zu schreiben und sinnt über Wege nach, deren inhaftierten Mörder - ihren Stiefvater - möglichst brutal zu richten. Aber Streit mit ihrer Tante Mascha (Jana Lissovskaja) und Ärger mit der Jugendgang vom "Scherbenpark" lassen sie die Flucht ergreifen - in die Villa des geschiedenen Journalisten Volker Trebur (Ulrich Noethen), der aus Scham über das positive Porträt des Mörders in seiner Zeitung Sascha seine Hilfe angeboten hat. Was dazu führt, dass sie und Volkers Sohn Felix (Max Hegewald) einander verführen und sie sogar beinahe etwas mit Volker anfängt. Der Aufenthalt im Bildungselitenluxus hat es also in sich, bringt Sascha aber ihren beiden großen Zielen nicht näher, da Sprüche allein nicht töten können.

Gute Mädchen kommen in den Himmel, freche überallhin - eine solche Umformulierung des berühmten Ausspruchs von Hollywood-Vamp Mae West mag für Sascha gelten, für den Film jedoch nicht unbedingt. Worum geht es eigentlich? Der zugrunde liegende Roman zeichnet stilistisch vielschichtig aus Saschas Perspektive die Trauerarbeit um die ermordete Mutter auf. Mit der Kamera auf Augenhöhe der großartigen Jasna Fritzi Bauer und ihrer grandiosen Klappe erschöpft sich hingegen der Film in der Regie von Bettina Blümner ("Prinzessinnenbad") und nach dem Drehbuch von Katharina Kress in der amüsanten Auslotung sozialer Differenzen. Der Ton bleibt dabei fast stets derselbe: witzig, aber ruppig. Der Verlust der sexuellen Unschuld liefert einen spritzigen Zweizeiler ("Willst du mir sagen, dass du meinen Sohn heute Nacht entjungfert hast?" -"Nee, heute Mittag"), hat aber nicht die wunderbar lakonische Zärtlichkeit, die der Leser des Buches kennt. "Scherbenpark" ist eine One-Girl-Show - als solche aber unterhaltsam.

Quelle: teleschau - der mediendienst