Der Mohnblumenberg

Der Mohnblumenberg





Zwischen Aufbruch und Erinnerung

In Japan gilt Animations-Regisseur Hayao Miyazaki als lebende Legende. Als Schöpfer von weltberühmten TV-Serien wie "Heidi" (1974) und Kinoerfolgen wie "Prinzessin Mononoke" (1997) hat er längst auch international Kultstatus erreicht - weil Miyazaki es versteht, mit seinen klassisch animierten Zeichentrickwelten zu verzaubern. Für "Chihiros Reise ins Zauberland" wurde er 2002 mit dem Goldenen Bären und 2003, wichtiger noch, mit dem Oscar belohnt. Nun, im Alter von 72, will sich der Anime-Künstler zurückziehen: Bei "Der Mohnblumenberg" hat er die Regie schon seinem Sohn Goro überlassen. Das Drehbuch, das auf dem gleichnamigen Mädchen-Comic aus den 80-ern basiert, stammt aber aus seiner Feder.

Nach dem Fantasy-Anime "Chroniken von Erdsee" (2006) inszeniert Regisseur Goro Miyazaki nun mit großem Ehrgeiz und Ernsthaftigkeit eine Teenagerromanze im Japan Anfang der 60er-Jahre, kurz vor den Olympischen Spielen. Heldin dieser Geschichte ist die 17-jährige Umi, die in einem alten, herrschaftlichen Haus in Yokohama hoch über dem Hafen lebt. Ihr Leben verläuft bis dato in überschaubaren Bahnen: Jeden Morgen hisst sie die Flaggen vor dem Haus, jeden Morgen macht sie artig Frühstück für ihre Großmutter, für die Geschwister und Untermieter. Ihre Mutter arbeitet als Ärztin im Ausland, und der Vater - das ist das Trauma in Umis Leben - ist aus dem Krieg nie zurückgekehrt.

In der Schule begegnet das sittsame Mädchen eines Tages dem kühnen Shun, der auch die Schülerzeitung herausgibt. Für die Schüler steht in diesen Tagen nämlich viel auf dem Spiel: Ihr geliebtes, etwas heruntergekommenes Clubhaus namens Quartier Latin soll abgerissen werden, weshalb das Engagement aller Schüler gefragt ist. Auch Umi soll für die Schülerzeitung arbeiten. Zwischen Umi und Shun scheint es ziemlich zu knistern, und so lädt sie ihn eines Tages zu sich nach Hause ein. Als Shun auf einem Foto Umis verlorenen Vater entdeckt, ändern sich die Dinge plötzlich. Vielleicht sind sich Umi und Shun ja näher als gedacht ...

Die ungeklärte Vergangenheit, die diese erste Liebe verkompliziert, und der Kampf für die Erhaltung des Clubhauses sind die wesentlichen Handlungsstränge im neuesten Anime aus dem traditionsreichen Studio Ghibli. Regisseur Goro Miyazaki erzählt seine stark im japanischen Kontext verankerte Geschichte zwischen Nachkriegszeit und Aufbruchstimmung nostalgisch und in ruhigem Tempo. Allerdings wirkt die Darstellung von Umis monotonem Alltag zwischen Hausarbeit und Schulbesuch in seiner Redundanz ziemlich ermüdend.

Die visuelle Umsetzung des Films, etwa die farbenprächtige Landschaft und städtische Szenerie oder die Detail verliebte Ausgestaltung des Clubhauses, ist dafür in seiner zeichnerischen Vielfalt geradezu umwerfend. Hier zeigt sich einmal mehr die große, trickreiche Kunst, die Hayao Miyazaki prägte. Ansonsten bleibt der zweifellos liebevoll gestaltete Film, der ambitioniert Vergangenheitsbewältigung und Liebesgeschichte abarbeitet, leider irgendwie fade. Vielleicht auch deshalb, weil er zu brav an Tugendhaftigkeit und Pflichtbewusstsein appelliert. Mitreißend geht anders.

Quelle: teleschau - der mediendienst