Ennio Morricone

Ennio Morricone





Mehr als eine Handvoll Melodien

Er gilt als größter Filmkomponist aller Zeiten: Zu den bekanntesten Werken von Ennio Morricone gehören seine Arbeiten für die italienischen Sergio-Leone-Western "Zwei glorreiche Halunken", "Für eine Handvoll Dollar" und natürlich "Spiel mir das Lied vom Tod". Am 10. November feiert Ennio Morricone seinen 85. Geburtstag, von Altersmüdigkeit keine Spur. Der Mann, den alle nur den Maestro nennen, kommt Anfang 2014 für drei Konzerte nach Deutschland, bei denen er seine größten Melodien live mit Orchester darbieten wird.

Auf dem Programm steht dann sicher auch "Gabriel's Oboe" aus seiner Musik für "Mission" von Roland Joffé aus dem Jahr 1986. Bei seinen zwei Shows Ende Juli in Dublin blieb jedenfalls kein Auge trocken, als er das Stück dirigierte, das ihm indirekt sogar den Ehren-Oscar bescherte. Denn erst auf Drängen von "Mission"-Hauptdarsteller Robert De Niro soll Morricone 2008 die Auszeichnung erhalten haben, die ihm fast 50 Jahre verwehrt geblieben war.

Das wohl auch, weil sich der Mann mit Hornbrille, der 1928 in Rom geboren wurde, den Verlockungen Hollywoods stets entzogen hatte. "Sie boten mir sogar eine Villa an, damit ich nach Amerika komme und für sie komponiere. Aber ich dachte nicht im Traum daran, mich dort niederzulassen. Ich bin Römer durch und durch und liebe meine Stadt", meint Morricone im Gespräch in Dublin, einen Tag nach seiner Show. Aber hat der Oscar, den er unter Tränen der Rührung aus den Händen von Clint Eastwood entgegennahm, irgendetwas für ihn verändert? "Absolut nichts", sagt er kurz und entschieden. Warum auch - nach über 50 erfolgreichen Jahren als erfolgreicher Komponist?

Seine erste Filmmusik schrieb Morricone 1961 für die Kriegskomödie "Il federale - Zwei in einem Stiefel" von Luciano Salce. Seitdem komponierte er über 500 Filmmusiken, seiner Arbeitsweise ist er dabei immer treu geblieben: "Andere schreiben Noten mit Computern, ich benutze immer noch Papier und Bleistift, um die Partituren für jedes einzelne Instrument festzuhalten. Manchmal komponiere ich, ohne den Film vorher gesehen zu haben." Wie das geht, bleibt sein Geheimnis. Wo das geht, nicht: In der Innenstadt der italienischen Hauptstadt bewohnen er und seine Gattin Maria, mit der er seit 57 Jahren verheiratet ist, die obersten drei Stockwerke eines Hauses. "In der Wohnung lebte früher Sophia Loren, und sie hat einen wunderschönen Dachgarten. Dort befindet sich auch mein Arbeitsraum, zu dem nur ich Zugang besitze. Denn ich habe meine ganz eigene Ordnung, da kann ich niemand anderen dulden."

Bei Interviewpartnern gilt Morricone oftmals als schwierig, weil er recht verkopft von seiner Musik spricht, sie genauso präzise erklärt wie er sie komponiert. "Wenn sie mich als ernsthaft, fokussiert und diszipliniert beschreiben, trifft es das ganz gut. Eine Leichtigkeit ist mir als Mensch nicht immer gegeben", so der Maestro. "Meine Musik indes muss geschmeidig klingen. Man darf ihr die schwere Arbeit nicht anhören."

Ihre Geschmeidigkeit macht seine Musik vielseitig einsetzbar: Die Heavy-Metal-Band Metallica etwa geht seit über 30 Jahren zu seinem Stück "Ecstasy Of Gold" auf die Bühne. Den Pet Shop Boys wurde sogar die Ehre zu teil, für den Track "It Couldn't Happen Here" von ihrem Album "Actually" mit ihm zusammengearbeitet zu haben. Viele Musiker bekunden, wie sehr sie vom Morricone-Sound und seinen Spaghetti-Western-Melodien beeinflusst sind. Regisseur Quentin Tarantino hat seine Musik in Filmen wie "Inglorious Basterds" eingesetzt und ihr damit zu erneuter Prominenz verholfen.

Über den Grund, warum er immer wieder von der Popkultur vereinnahmt wird, kann der Komponist selbst nur mutmaßen. "Dass diese Leute mit meiner Musik etwas anfangen können, liegt wohl an der Simplizität der von mir gewählten Akkorde und der Gefälligkeit der Stücke. Man kann sie gut auf der Gitarre reproduzieren." Viele dieser Musiker hätten ihn schon zum Essen eingeladen, erzählt er, aber an die Namen erinnern, kann er sich nicht. Warum auch? Morricone ist sein eigener Meister.

Beim Gespräch in Dublin ist er sogar ein gut gelaunter Meister. Als er erklären will, wie er auf das musikalische Thema von "Zwei glorreiche Halunken" kam, pfeift er es vor. "Vielleicht merken es die meisten Menschen nicht, aber die Melodie ist nichts anderes als Kojote-Geheule in Musik übertragen. Genau das habe ich gemacht!" Er lacht und berichtet, wie sich neulich in Rom ein Freund einen Spaß mit ihm erlaubte. "Er ging auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig, und ich hatte ihn nicht gesehen. Er fing daraufhin an, die Melodie aus besagtem Film zu pfeifen. Reflexartig drehte ich mich um, um nachzuschauen, was da los ist. Ihn amüsierte das sehr."

Seinem 85. Geburtstag guckt Morricone indes mit weniger Freude entgegen. "Die über 80-Jährigen sind die nächsten, die gehen müssen", sagt er und seine Stirn legt sich in Falten. "Dabei fühle ich mich höchstens wie 60!" Was seine Konzerte betrifft, ist Morricone sowieso ein Spätstarter. Erst im Alter von 74 Jahren fing er an, seine Kompositionen live mit Orchester als Dirigent vor Publikum zu präsentieren. "Es hatte mich vorher einfach niemand gefragt, ob ich das tun will. Und ich konnte ja schlecht auf die Straße gehen, um meine Melodien aufzuführen", witzelt er.

Und so energetisch, wie er auf der Bühne agiert, nimmt man ihm die gefühlten 60 ab. "Es ist wie bei einem Athleten: Ich muss bei meinen Konzerten sehr konzentriert sein und meinen eigenen Körper und die Muskeln unter Kontrolle haben." Dafür steht er morgens um fünf Uhr auf und joggt eine Stunde durch die Wohnung. Seinen Geburtstag will er aber etwas weniger diszipliniert angehen und seinem einzigen Laster frönen: "Schokolade! Aber nicht zu viel, sonst schimpft meine Frau mit mir."

Ennio Morricone auf Deutschland-Tournee:

11.02.2014, Berlin, O2 World

07.04.2014, München, Olympiahalle

14.04.2014, Köln, Lanxess Arena

Quelle: teleschau - der mediendienst