Armin Rohde und Ludger Pistor

Armin Rohde und Ludger Pistor





"Man muss das Glück überlisten"

Bereits 2010, in "Ein Schnitzel für drei", spielten Armin Rohde und Ludger Pistor die beiden arbeitslosen Dortmunder Kumpels Günther Kuballa und Wolfgang Kretteck. Kritik und Zuschauer waren ob des politisch unkorrekten Humors der Ruhrpottkomödie begeistert, nun folgt die Fortsetzung "Ein Schnitzel für alle" (Mittwoch, 20.11., 20.15 Uhr, ARD). Der Beitrag zur ARD-Themenwoche "Zum Glück" folgt einem durchaus philosophischen Schema: Zwei mittelalte, arbeitslose Freunde haben keine Chance, kommen dann doch überraschend zu Geld und verlieren es wieder. Hört sich nach tristem Sozialdrama an? Ist es aber nicht, denn Günther und Wolfgang sind trotzdem gut drauf, ohne in Sachen Humor zu überdrehen. Ein Gespräch mit dem Hindu Ludger Pistor und dem Buddhisten Armin Rohde über das Wesen des Glück und das seltene Vergnügen, englischen Humor in einer deutschen Komödie zu erleben.

teleschau: Die "Schnitzel"-Filme spielen nicht nur im Ruhrgebiet, sie atmen auch den Geist der Menschen im Pott. Wer hat sich daran erinnert, dass Sie beide aus der Region kommen?

Ludger Pistor: Das war der Regisseur Manfred Stelzer - er brachte uns zusammen. Manfred kommt zwar aus Bayern und lebt seit den 60-ern in Berlin, aber er kennt und mag das Ruhrgebiet. Früher drehte er viel für die RTL-Serie "Balko". Ich glaube, seitdem steht er auf den Pott. Dazu kommt, dass Manfred mit uns beiden schon oft gearbeitet hat. Komischerweise aber immer getrennt. Ich kenne ihn seit 20 Jahren, und seitdem sagt Manfred zu mir: Du musst unbedingt mal mit Armin spielen.

teleschau: Ihre Figuren sind sehr gegensätzlich - sowohl körperlich als auch vom Temperament her: Auf der einen Seite der leise, distinguierte Lange. Und da drüben der hemdsärmelige, gefühlige Dicke. Was macht dieses Duo so attraktiv?

Armin Rohde: Ich glaube, es ist eine ähnliche Art von Humor, die Ludger und mich verbindet. Man könnte ihn als englisch bezeichnen. Monty Python waren und sind für mich die Größten. Und Ludger passt in diese Humorschule fantastisch hinein. Er steht für die etwas abgeschabte Noblesse des englischen Humors, während ich für die proletarische Komponente zuständig bin. Diese beiden Seiten kommen zusammen, wenn wir zusammen spielen. Es ist tatsächlich nicht besonders deutsch, was wir da machen.

Pistor: Ja - und es hat auch etwas mit männlich und weiblich zu tun. So wie bei Jack Lemmon und Walter Matthau. Da ist auch Oscar, also Walter Matthau, der Mann. Und Felix, gespielt von Jack Lemmon, ist die Frau. Beide, und das ist das Entscheidende für die Komik, sind aber nicht schwul. So ist das bei uns auch: Ich habe die Schürze um, koche, putze und kenne mich mit Klamotten aus. Und Armin ist eben ein typischer Mann, der lieber Schnitzel isst anstatt eines ausgefuchsten ästhetischeren Gerichts, wie ich mir das ausdenken würde. Diese Uridee des "Odd Couple", wie sie das Bühnenstück von Neil Simon transportierte, ist genial und macht eine Menge der Komik aus.

teleschau: Die "Schnitzel"-Filme sind für eine deutsche Komödie relativ zurückhaltend, wenn es um das Ausspielen von Pointen geht. Es ist eher so ein Understatement-Humor, der da die ganze Zeit mitschwingt ...

Rohde: Ja, so könnte man das durchaus sagen. In deutschen Komödien werden die Pointen normalerweise schon vorher telefoniert. Nach dem Motto: Achtung, liebes Publikum, jetzt gibt es gleich was zu lachen, machen Sie sich bitte fertig dafür. Ich habe ja auch mal ne Clownsausbildung gemacht. Dabei wurde uns eingebleut, Pointen eben nicht zu telefonieren. Das ist einer der schwersten Fehler, die man machen kann, wenn man lustig sein will. Komik muss sich aus den Figuren und dem, was ihnen geschieht, natürlich ergeben. Bei schlechter Komik kippen die Protagonisten aus ihrer natürlichen Figur heraus, um die Pointe anzusteuern. Das haben wir bei den "Schnitzel"-Filmen versucht zu vermeiden. Alles bleibt situativ eingebettet, wir spielen gar keine Pointen. Natürlich wird das nicht von jedem verstanden, das muss man dann auch einfach akzeptieren.

Pistor: Wir hatten im Spätsommer eine Vorpremiere des neuen Films in Dortmund. Da saßen 1.000 Leute in einem Freiluftkino im Westfalenpark. Die haben schallend gelacht, die Leute haben super reagiert. Ich bin mir also sicher: Es gibt auch in unserem Land ein Publikum für diesen Humor.

teleschau: Die Grundidee eines "Schnitzel"-Film besteht darin, dass zwei arme Schlucker überraschend zu Geld kommen und es am Ende wieder verlieren. Was lehrt uns das?

Rohde: Zunächst mal, dass Geschichten über Gewinner langweilig sind. Aber natürlich folgt dieses Prinzip auch dem Geschehen des wirklichen Lebens. Die meisten Menschen rennen die ganze Zeit materiellen Dingen hinterher. Dabei ist doch klar, dass sie am Ende mit nix aus diesem Leben rausgehen. Darin liegt schon per se eine große Komik.

teleschau: Das Streben nach Glück im Sinne von Reichtum ist also sinnlos?

Rohde: Man muss es zumindest ambivalent betrachten. Auf der einen Seite gilt das, was ich eben gesagt habe. Andererseits steht unser Film auch für diese Stehaufmännchen-Mentalität, die sich ja kaum vom Streben nach Glück trennen lässt. Es gibt einen wunderbaren Dialog im Film. Da erzähle ich Ludger, dass ich jetzt wegen des Arbeitsamtes nicht nach Kanada zum Robben retten darf, sondern stattdessen Klos in Dortmund putzen soll. Und er sagt: Macht doch nichts, darauf kann man doch aufbauen. Dass man im kleinstmöglichen, deprimierendsten Job der Welt noch die Möglichkeit sieht, etwas Großes entstehen zu lassen, finde ich großartig.

teleschau: Der Film läuft im Rahmen der ARD-Themenwoche "Zum Glück". Ist Glück für Sie etwas Kleines oder etwas Großes?

Pistor: Weder noch, würde ich sagen. Glück ist nicht so wichtig. Man muss es überlisten. Du kannst nicht sagen: Ich tue jetzt dies und das, damit ich glücklich werde. So funktioniert es nicht. Wer es so angeht, hat von Anfang an vergeigt. Man kann nicht für das eigene Glück arbeiten. Es stellt sich ein oder nicht ...

Rohde: Man kann nur Sachen erledigen ...

teleschau: Welche Sachen?

Pistor: Nun - jeder Mensch hat eine Aufgabe im Leben. Dessen muss man sich bewusst sein. Wenn man zum Beispiel - wie ich - Schauspieler ist, dann ist die Aufgabe, nicht aufzuhören - auch wenn es gute und schlechte Zeiten gibt. Wer ein Talent bekommen hat, befindet sich auf einer Mission. Seine Aufgabe muss man erledigen, auch wenn es schwer ist. Und in der Arbeit kommt dann, wenn man Glück hat, das Glück dazu. Ich bin vor vielen Jahren Hindu geworden. Hinduismus sagt: Der Mensch ist nicht auf der Erde, um glücklich zu sein. Das Streben nach Glück funktioniert nicht. Ein Mensch soll das Glück annehmen, wenn es kommt.

teleschau: Klingt das - in unseren westlichen Ohren - nicht etwas schwermütig?

Pistor: Überhaupt nicht, finde ich. Wenn das Glück kommt, gibt es auch keine falsche Bescheidenheit - dann soll man es feiern. Aber man darf eben nicht traurig sein, wenn es nicht kommt. Was das Glück daran hindert, zum Menschen zu kommen, ist unser übersteigertes Ego. Das hat der Mensch leider - gerade in der heutigen Zeit. Diese Haltung wird ja auch von vielen Seiten gefördert. Durch das Ego kommt der Frust. Wer heute etwas tut, will dafür belohnt werden. Doch nur, wenn man nicht auf Belohnung aus ist, hat man eine Chance, glücklich zu sein.

teleschau: Herr Rohde, was tun Sie, um das Glück zuzulassen?

Rohde: Ich würde es ähnlich ausdrücken wie Ludger. Ich bin zwar kein Hindu, aber mit Anfang 20 zum Buddhismus konvertiert. Glück heißt auch für mich, sich einer Aufgabe zu stellen, ohne Lohn zu erwarten. Stattdessen sollten wir begreifen, dass das Leben an sich eine einmalige Chance ist. Wir sollten es einfach so genießen, wie es ist. Man muss es doch mal so sehen: Der weitaus größte Teil des Universums ist tote Materie. Dass ausgerechnet wir hier am Ende eines Spiralarms - in dieser Galaxie, in der wir leben - so vielfältiges Leben auf unserem Planeten haben, ist ein unglaublich großes Glück. Wir sind nämlich an einem sehr unwichtigen, randseitigen Platz im Universum. Wenn wir begreifen, dass wir nicht wichtig sind, bauen wir dem Glück hier vielleicht ne Landebahn.

teleschau: Hat das bei Ihnen geklappt?

Rohde: Ich arbeite dran. Unser Leben ist so kurz. Ich bin jetzt 58 und denke: Wer war an meinem Zeitkonto, dass das derart geplündert ist? Unser Leben ist ne verdammt kurze Chance. Da sollte man gucken, riechen, einen Braten schmecken, Haut berühren, Musik hören. Wenn alle nach diesem Motto leben würden, hätten wir alle sehr viel weniger Probleme - mit uns selbst und miteinander sowieso.

Quelle: teleschau - der mediendienst