The Act of Killing

The Act of Killing





Tanz der Massenmörder

Bisweilen kommt Theater und Film die pädagogische Rolle zu, heilsame Einsichten zu befördern - insbesondere dann, wenn es um die verbrecherische Seite des Menschen geht. Dabei scheiterte bekanntlich schon Shakespeares Hamlet damit, durch ein Schauspiel einen Mörder zum Selbstverrat zu bewegen. Auch dass Dokumentationen über Genozide helfen könnte, diese zu vereiteln, ist vielleicht nichts anderes als ein frommer Wunsch. Joshua Oppenheimer, amerikanischer Filmemacher und Genozid-Spezialist, geht mit "The Act of Killing" noch weiter, ja vielleicht zu weit. Die nicht etwa bestraften, sondern gefeierten Beteiligten am millionenfachen Mord an vermeintlichen Kommunisten im Indonesien der 1960er-Jahre lässt er ihre Taten in einem eigenen Film nachspielen - und spekuliert dabei offenkundig auf die Erweckung des menschlichen Gewissens.

Das Warten auf einen solchen Moment ist eine echte Tortur. Unerträglich sind das Grinsen und die leuchtenden Augen des greisen Anwar Congo, wenn er an einem jungen Mann vorführt, wie er mit der Drahtschlinge Hunderte, wenn nicht Tausende erdrosselt hat. Lachend brüsten sich seine Kameraden auch der Vergewaltigungen von Minderjährigen bei furchtbaren Massakern, während ihr jüngerer Bewunderer Hermann mit seinem Hang zum Crossdressing schon mal ein weibliches Opfer mimt. Stepptanzend schwelgen die Missetäter in ihrer Vergangenheit als Gangster, die sich bis in die indonesische Gegenwart erstreckt - dank der Macht der von ihnen gegründeten paramilitärischen Vereinigung Pemuda Pancasila, die zu einer tragenden Säule des Staates wurde.

"The Act of Killing" geriert sich als Experiment mit offenem Ausgang. Vermutlich würde der von Werner Herzog mitproduzierte Dokumentarfilm bloß als bizarres bis zynisches Selbstbeweihräucherungsmanifest von Verbrechern in die Annalen des Kinos eingehen, zeichneten sich nicht doch irgendwann Risse im Selbstbild und so etwas wie Reue auf Seiten der Täter ab. Was hätte Oppenheimer aber ohne dergleichen nur gemacht? Man kann sogar nicht einmal ganz ausschließen, dass diese seelischen Regungen bloß Höhepunkte der Selbststilisierung sind, so wie auch die Mafiosi aus den Kinoepen, die die Mörder so verehren und denen sie nacheifern, menschliche Züge besitzen.

Aber gerade darin, in der absturzgefährdeten moralischen Gratwanderung, liegt ein gewisser Wert von "The Act of Killing". Die Frage, ob der Film seine hehren Absichten einlöst, wird ebenso zur Herausforderung des Urteilsvermögens wie die Elemente des Schocks und des Amüsements, denen er mitunter aufsitzt.

Quelle: teleschau - der mediendienst