Jung & schön

Jung & schön





Ahnung des Schreckens

Was soll man davon halten? Mit dem Model Marine Vacth in der Hauptrolle, die außer hübsch wallendem kastanienbraunen Haar und irritierten grünen Augen vor allem leuchtend weiße Haut wie das unbeschriebene Blatt der Unschuld mitbringt, fabrizierte der vielfach schon so gefeierte französische Filmemacher François Ozon eine Art gelackten Schulmädchenreport über das Doppelleben einer 17-Jährigen: Morgens Unterricht, nachmittags käuflicher Sex mit meist älteren Herren. Erste Reflexe in Cannes verbanden "Jung & schön" mit "Lolita" und "Belle de Jour". Verteidiger preisen satirisches Sittengemälde und erotische Reifungsgeschichte, Verächter wittern misogynen Voyeurismus. Ein konzentrierterer Blick zeigt jedoch, dass unter den Bildern ein Geschehen lauert, für das es keine Bilder geben kann.

In den Sommerferien, in denen sie 17 wird, verliert Isabelle (Marine Vacth) ihre Unschuld. Im Herbst bietet sie im heimatlichen Paris als "Léa" im Internet sexuelle Dienstleistungen an. Das geht so lange gut, bis ihr Lieblingsfreier, der ältliche Familienvater Georges (Johan Leysen), bei allzu viel Bettaktivität im luxuriösen Hotelzimmer an einem Herzinfarkt stirbt. Geschockt schleicht sich Isabelle davon, doch die Überwachungskamera erfasst sie, und wenig später stattet die Polizei der gutbürgerlichen Familie einen Besuch ab. Mutter (Geraldine Pailhas) und Stiefvater (Frédéric Pierrot) fallen aus allen Wolken. Sie habe den Kick gesucht, sei gespannt gewesen, wer sie in den schönen Hotels erwartet, sagt sie dem Psychoanalytiker, den die Mutter hinzugezogen hat. Glauben kann man das kaum.

Dafür fällt die Schlüsselszene, die Defloration durch einen jungen Deutschen am nächtlichen Strand, zu drastisch aus. Während des recht unbeholfenen, aber nicht gewalttätigen Geschlechtsakts irrt Isabelles Blick ins Leere, bis sie zu einem sentimentalen Chanson auf eine Vision ihres früheren Selbst trifft, das stumm dem Geschehen zuschaut. Das erlebe man eben beim ersten Mal, behauptet Ozon in einem Interview mit der Filmzeitschrift "Positif". Wirklich? Eher zitiert Ozon doch bewusst oder unbewusst die Sichtweise von Opfern sexuellen Missbrauchs, die im Moment der Überwältigung in die Fantasie flüchten.

Die Entjungferung, die als Deckerinnerung eines Missbrauchs erscheint, ist die größte einer Reihe von Anomalien - wie Isabelles Horror vor den familiären Mahlzeiten - , die verraten, dass der Film von anderem als dem handelt, was er zeigt. Er ist auf so leise Art surreal wie Luis Buñuels Melodramen und hat mit "Tristana" weitaus mehr gemein als mit "Belle de Jour". Die Prostitution wird lesbar als Wunschtraum, die seelische und körperliche Verwundung in profitable Bemächtigung zu verwandeln, mit dem Tod Georges' als verschobenem Vatermord und fantasierter Rache. Dass Isabelles Verhältnis zu ihrem leiblichen Vater normal sei, gehört dann zu den Euphemismen, die ebenso wie boulevardeske Scherze und Sexkomödien-Verdichtungen den Film als Traumarbeit erst möglich machen.

"Jung & Schön" ist faszinierend verstörend: Die kreativen Entstellungen geben die Ahnung eines schrecklichen, verschütteten Traumas. Doch zu wem gehört es - zur erfundenen Figur Isabelles? Oder gar zum Filmemacher, der schon im letzten Werk "In ihrem Haus" einen Schüler seinem Lehrer Familiengeheimnisse berichten ließ?

Quelle: teleschau - der mediendienst