You're Next

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Je blutiger desto lustiger

"Hast du die Tür abgeschlossen, Schatz?" Die Angst vor einem unerwarteten Angriff in den eigenen vier Wänden ist im Menschen fest verwurzelt. Nachdem sie spätestens seit "The Last House on the Left" (2009) und "The Purge" (2013) im Horrorgenre wieder äußerst populär ist, widmet sich Adam Wingard ("V/H/S") in seinem neuen Streifen "You're Next" der Home Invasion auf eine etwas andere Weise. Stück für Stück verwandelt der Film sich vom Independent-Splatter in eine astreine Horrorkomödie.

Viel zu lange ist es her, dass alle Mitglieder der Familie Davison Zeit miteinander verbracht haben. Deshalb entscheiden sich Aubrey (Barbara Crampton) und Paul Davison (Rob Moran) ihre Kinder samt Anhang ins abgelegene Sommerhaus des Familienclans einzuladen. Die vier Geschwister sind so verschieden wie sie nur sein könnten. Es dauert nicht lange, bis der Haussegen schief hängt. Bereits beim ersten Familiendinner bricht Streit aus. Dieser wird aber rasch unterbrochen, als zahllose Pfeile durch die Fenster schwirren. Es beginnt ein blutiger Kampf ums Überleben, der die ganze Nacht dauern wird. Dabei stellt sich die Gruppe immer wieder die Frage, wer die Männer in den Tiermasken sind, von denen sie attackiert werden.

Im Zentrum des Films steht schon bald Erin (Sharni Vinson), die eigentlich nur als neuestes Anhängsel von Davinson Sohn Crispian (A.J. Bowen) mitgekommen ist. Die attraktive junge Frau, die anfangs so unschuldig wirkt, entpuppt sich schnell als richtige Amazone, die sich beim Kampf ums Überleben nicht scheut, mit allerlei Utensilien zurückzuschlagen und den maskierten Mördern Paroli zu bieten - das wohl brutalste Survival Girl seit Langem. Auch die anderen Figuren entwickeln eigentlich keinen eigenen Charakter, sondern erfüllen jeweils ihren Zweck als Genretypen. So sind von der obligatorischen Scream Queen bis zur Brutusfigur alle Klischeerollen auf den Davinson Clan verteilt.

Aber nicht nur die Figuren werden funktionalisiert: Eigentlich wirkt der gesamte Film wie eine Aneinanderreihung von bekannten Versatzstücken. So präsentiert Regisseur Wingard wohl so ziemlich jede Todesart, die sich der eingefleischte Horrorfan nur wünschen kann. Da wird geschlitzt, geschossen, gequetscht und gehackt als ob es keinen Morgen mehr gäbe, das Blut spritzt dabei übertrieben in klassischer Splattermanier. Auch das dabei in Verwendung gebrachte Waffenarsenal ist schier unbegrenzt und teils äußerst originell: Wann wurde das letzte Mal auf der Leinwand mit Armbrüsten gemetzelt? Auch die Machete kam außerhalb von Rodriguez' gleichnamiger Filmreihe recht selten zum Zug.

Wingard hat seine Gründe, den Plot zugunsten einer Feier sämtlicher Genreklischees zu vernachlässigen. Von Anfang an provoziert er damit gezielt die bekannten Reaktionen des Horrorpublikums. So hört man sich etwa zur eigenen Verwunderung tatsächlich irgendwann "Nein! Geh da nicht raus!" rufen und erwischt sich dabei, wie man den Kopf über die Naivität der Figuren schüttelt. Die Handlungen der Charaktere sowie jede einzelne Mordszene sind so herrlich überspitzt dargestellt, dass der Betrachter, obwohl er sich ekeln dürfte, auch herzhaft lachen muss.

Zusätzlichen Charme erhält der Film durch seine Independentaufmachung. Die Kameraaufnahmen sind teils unscharf und wackelig und involvieren den Zuschauer gekonnt ins Geschehen. Neben all den kürzlich veröffentlichten hochglanzproduzierten Filmen des Genres, ist es erfreulich mal wieder einen rohen, aufs Minimum reduzierten Film zu sehen.

Quelle: teleschau - der mediendienst