Master Of The Universe

Master Of The Universe





Beichte im Trading-Room

Ganz neu ist das alles nicht: die weitergeschobenen faulen Papiere, die Milliardenbeträge, mit denen geradezu irreal gehandelt wird, die Investment-Banker, die so wahnsinnig viel Geld verdienen und bei Nichtmehr-Bedarf mit hoher Abfindung entlassen werden. "Ein Wort charakterisiert unsere Dreharbeiten in der Finanzbranche: Angst", sagt Marc Bauder über seine 95-Minuten-Dokumentation. "Diese Branche hat Angst, sich aus der Deckung heraus zu bewegen. Jeder Schritt könnte von der Außenwelt falsch interpretiert werden, und bevor man das riskiert, sagt man lieber gar nichts." Spätestens seit Merkels beruhigendem Sparbuch-Auftritt wissen wir alle, wie recht er hat. In "Master Of The Universe" wagt sich einer hervor und gibt Auskunft - wenn auch spät, er wurde vor Jahren entlassen.

Eineinhalb Stunden lang doziert der ehemals führende Investmentbanker Rainer Voss über die Gepflogenheiten des Bankwesens, über gut honorierte Strategien, mit denen sich Gutgläubige über den Tisch ziehen lassen. Es müssen ja nicht unbedingt die unbedarften Käufer von Zinsanleihen in den Kommunen sein, die nun über Millionenverluste an öffentlichen Geldern klagen.

Wer "shorts" für Hosen hält, sagt der Mann im obersten Stock eines leerstehenden Bankgebäudes, sollte am besten die Finger von Aktien- oder anderen Geldgeschäften lassen. Seine keineswegs humorlose Suada ist so etwas wie eine Beichte nach dem Sündenfall. Nicht neu, es hat schließlich Spielfilme wie "Der große Crash" über Banker im freien Flug gegeben. Das meiste wusste man schon - wenn auch eben aus dritter Hand und von ungefähr. Heute werden Aktien im Durchschnitt 22 Sekunden gehalten, vor 20 Jahren waren es noch vier Jahre, erklärt der Banker. Den Sinn, "eine Unternehmensbeteiligung für 22 Sekunden zu behalten", kann ihm keiner erklären.

Er hat meist die Hand lässig in die Hosentasche gesteckt, geht in leeren Hallen spazieren und doziert in druckreifen Sätzen. Spricht von Geldsummen, mit denen man "Länder angreifen" könne, Frankreich beispielsweise wäre nach Portugal oder Italien als nächstes dran. Und er malt ans Fenster Formeln, die ein bisschen aus der Schule der Risikoanalysten und Anleihenhändler plaudern. Verstehen wird man sie nicht, ohne Wirtschaftsmathematiker zu sein.

Auch dieser Film selbst ist von Angst besetzt. Der Ex-Banker gibt den Namen seiner früheren Bank nicht preis. Manchmal lässt er die Kamera abschalten. Im leeren Trading Room spricht er vom Bienenschwarm der Hunderten, die hier einst die lauten Geschäfte machten. Man verlor den Boden unter den Füßen, man kam sich vor wie der titelgebende "Master Of The Universe". Immer mehr, immer schneller lautete die Devise. Alles wurscht, bis Lehmann und die Pleite kam. Entlassungen, Abfindungen, danach kein Lebenssinn. Es war der Strom der Lemmige, bei dem alle mitgingen und das Risiko ignorierten.

Das Schönste an dieser verspäteten Banker-Beichte ist die erstaunliche Optik des Films, die das monologische Gespräch zäsuriert. Immer klarer treten aus dem Dunst allmählich die gewaltigen Türme des Frankfurter Bankenviertels hervor und verändern dabei wundersam die Konturen. Gigantische Trutzburgen, die mit ihren Glasfassaden Offenheit suggerieren. Doch die Aufklärung gibt es, geflüstert, nur in einem riesigen, lächerlich leerstehenden Raum.

Quelle: teleschau - der mediendienst