Herbert Knaup

Herbert Knaup





Das Heimspiel

Wer die Kluftinger-Bücher von Volker Klüpfel und Michael Kobr gelesen hat, es sind mittlerweile deren sieben, musste erst einmal ins Zweifeln geraten. Zu schlank, zu groß, und ja, in gewisser Hinsicht auch zu adrett sieht Herbert Knaup aus, um dem ungemein populären, aber dann doch eher korpulenten, knorrigen Allgäuer Kommissar ein glaubhaftes Bild zu geben. Aber: Es gibt ja die Maske beim Film, die Bäuche zaubern kann. Und es gibt den genialen Schauspieler Knaup, der mit mürrischem Blick und seltsam gebeugtem Gang nun zum schon dritten Mal in einem Kluftinger-Film durch die Landschaft rund um Kempten schlurft. Viel wichtiger aber als alles Körperliche: Wenn Knaup, vor 57 Jahren in Sonthofen geboren, zu schwätzen beginnt, ist das eben von Grund auf echt. Mancher Zuschauer wird sich schwertun mit dem Allgäuer Dialekt. Aber beim Kommissar Kluftinger gehört der eben dazu. Das Erste zeigt "Seegrund" am Donnerstag, 28.11., 20.15 Uhr.

teleschau: Sie haben einmal erzählt, dass Sie schon im Alter von 13 Jahren ein Kriminalkommissariat im Allgäu eröffneten ...

Herbert Knaup: Das war auf dem Dachboden meiner Eltern! Als Kind willst du eben immer Polizist werden.

teleschau: Was haben Sie denn genau da oben gemacht?

Knaup: Meine Freunde und ich schrieben eigene Fälle. Autonummern wurden notiert, es gab Verhöre, Verhaftungen und sogar ein Gefängnis. Einer von uns wurde immer eingesperrt und später vor Gericht verurteilt. Ich weiß nicht mehr, was es genau war: Aber irgendwie muss uns was aus dem Fernsehen von damals sehr beeindruckt haben.

teleschau: Was genau machte denn für Sie den Reiz dieses Berufs aus?

Knaup: Ich glaube, es war dieses Klacken der Schreibmaschine in den Fernsehserien. Dieses Einhacken der Protokolle bei Verhören. Das hat mein Bild von dem Beruf des Polizisten geprägt. Es hatte so etwas Unkorrigierbares, etwas Manifestiertes. Wenn da einer was sagte, war das nie mehr zu löschen ... das haben wir auch nachgespielt. Wir hatten auf dem Dachboden sogar eine alte Underwood-Schreibmaschine.

teleschau: Und nun sind Sie Kluftinger, der berühmteste Allgäuer Kommissar der Gegenwart. Diesmal war es ein ziemlicher wasserreicher Dreh.

Knaup: Richtig, ich hab einiges geschluckt. Aber es war notwendig: Das tiefe Tauchen Kluftingers im Film steht sinnbildlich für das unbewusste Vordringen in sein Inneres. Anstrengend war es trotzdem: Neoprenanzug, Bleigürtel, eine Kamera dabei, die dich selbst aufnimmt. Im Film sieht alles immer so einfach aus

teleschau: Aber Sie können es doch. Tauchen gehört zu Ihren Hobbys.

Knaup: Aber nicht bei acht Grad. Da zieht es dir alles zusammen. Trotz Neoprenanzug ...

teleschau: Warum tauchen Sie gerne? Was finden Sie dort unten?

Knaup: Sicher ein Meer von Farbenpracht und Glückseligkeit. Es ist eben so ... unanstrengend. Du schwebst, du fliegst ... bist schwerelos im Raum wie Major Tom. Wenn du 30 Meter tief unten bist und nach einer Stunde wieder hochkommst, dann lässt sich das mit einem Geburtserlebnis vergleichen. Raus aus dem Schwerelosen im Mutterleib. Vom Fisch zum Menschen, sozusagen ...

teleschau: Gedreht wurde am Alatsee westlich von Füssen. Verstehen Sie die Kluftinger-Filme auch als ein persönliches Dankeschön an Ihre Allgäuer Heimat?

Knaup: Ach, ich weiß nicht. Es war einfach Zufall, dass es so kam. Ich hätte im Übrigen nie gedacht, dass man mit so einem Dialekt, der zwischen Alemannisch und Schwäbisch daherpoltert, etwas erreichen kann. Mit der Sprache gewinnst du doch sonst in der Schauspielerei keinen Blumentopf.

teleschau: Es heißt, Sie hätten sich den Dialekt während der Schauspielschule mühsam abtrainiert.

Knaup: Ja, ich wollte schließlich irgendwo auf einer Bühne reüssieren. In den 80er-Jahren drehte ich einen Film unter dem Titel "Wallers letzter Gang", da durfte ich ein bisschen Allgäuerisch schwätzen. Danach nie mehr. Und jetzt kam plötzlich der Kluftinger. Natürlich ist das ein Heimspiel für mich. Da wird manches freigesetzt, was ich als Kind und Jugendlicher in dieser Region aufgesogen habe. Die beiden Autoren, Volker Klüpfel und Michael Kobr, zeigen mit den Büchern ja auch ein wenig, wie sie ihre eigenen Väter sehen.

teleschau: Erinnert Sie Kluftinger auch an Ihren eigenen Vater?

Knaup: Klar, das waren in dieser Zeit diese grantigen Väter, die erst einmal ihre Umgebung einschüchterten. Männer, die immer deutliche Worte fanden. Es dauert eben immer eine Weile, bis diese Menschen sich öffnen. Was ja übrigens Kluftinger auch in diesem Film tut. Er wandelt sich, er lässt sich verändern. Aber im Grunde bleibt er natürlich ein Macho. Der kommt heim, setzt sich hin, fragt, was es zu essen gibt, und seine Frau richtet ihm alles. Der hat in seinem Leben bestimmt noch nicht gestaubsaugt.

teleschau: Sie selbst haben mit 17 Jahren die Flucht ergriffen und sind weg aus der Wohnung Ihrer Eltern ...

Knaup: Klar, ich wollte erst einmal nur raus ...

teleschau: Fanden Sie, was Sie damals gesucht hatten?

Knaup: Irgendwie sucht man ja sein ganzes Leben lang. Aber ja: Eigentlich fand ich es schon. Zunächst hatte ich mir die Musik als Lebensaufgabe ausgesucht, aber das fiel mir in gewisser Hinsicht zu leicht. Ich suchte etwas Schwieriges und fand ... die Schauspielerei. Mich in dieser Form auf der Bühne vor einem Publikum zu erhöhen - da hatte ich unheimlich Schiss davor. Aber es erschien mir eben auch ungemein reizvoll.

teleschau: Sie folgten beim Auszug daheim Ihren älteren Geschwistern. Auch sie waren aus der Enge geflohen ...

Knaup: Ja, sie gingen allesamt die Straße hinaus vorher, und dann ging ich eben nach. Meine Schwester zum Beispiel wurde Sängerin bei der Rockband Amon Düül und gehörte zur gleichnamigen Künstler-Kommune in München. Im Vergleich dazu hatte ich es bequem. Ich lebte in einer WG im Allgäu, da mussten sich meine Eltern keine Sorgen machen.

teleschau: Wie sah diese WG aus?

Knaup: Naja, vier andere Burschen, ich mit langen Haaren, dazu meine Freundin von damals. Wir machten Musik, hörten Led Zeppelin, gründeten ne Zeitung, machten auf Flohmärkten rum. Da entstand schon diese Sehnsucht nach Freiheit.

teleschau: War es damals nicht üblich, dass ein Sohn den Hof des Vaters zu übernehmen hatte?

Knaup: Ja, aber den Hof gab es nicht. Mein Vater war Schlosser, mochte aber ohnehin Musik und das Singen viel lieber. Aber er hatte eben eine Familie, die er ernähren musste.

teleschau: Kluftinger wirkt wie ein Fremdkörper in der modernen Zeit, weil er sich weitgehend der modernen Technik verweigert. Kein Twitter, kein Smartphone - wie machen Sie es? Gehen Sie jedes Tempo der neuen Zeit mit?

Knaup: Schon. Ich gebe zu: Die Internet-, die Handy-Welt hat mich im Griff. Ich halte es auch für wichtig, gerade auch in unserer Branche, auf Augenhöhe mit der technischen Entwicklung zu bleiben. Mag sein, dass ich irgendwann "Stop" sage, wenn mir das alles zu sehr auf die Nerven geht. Aber noch ist es nicht so weit. Wobei: Eine Ausnahme gibt es ...

teleschau: Und die wäre?

Knaup: Ich schreibe unheimlich viel mit der Hand. Alle um mich herum hacken ihre Buchstaben nur noch in die Computer. Das Merkmal, die eigene Handschrift, geht da völlig verloren.

teleschau: Haben Sie auch diesmal wieder zugenommen, um dem in den Büchern ja als recht füllig beschriebenen Kommissar gerecht zu werden?

Knaup: Nur ein bisschen. Beim ersten Film waren es ja mal zehn Kilo. Aber dieses Wechselbad steh ich natürlich nicht jedes Mal durch. Jetzt kümmert sich unsere Kostümabteilung beim Film darum.

teleschau: Jeder Leser hat sicher eine Vorstellung in all den Jahren entwickelt, wie sein ganz persönlicher Kluftinger aussieht. Und nun sind Sie das. Da gehen Fantasien flöten!

Knaup: Eigentlich fatal, oder? Es ist doch etwas Wunderbares, dass sich jeder in seiner Fantasie einen Kluftinger bauen kann. Aber so ist eben die Filmwelt. Dennoch finde ich, dass die Figur weiterhin ein Anlass für jeden Zuschauer und Leser sein sollte, sich selbst mal wieder zu hinterfragen: Wie sehr wahre ich mir in diesen Zeiten meine Identität? Bin ich ein Spießer wie er, bin ich stur wie er? Wo sind die Parallelen zu diesem Alpen-Columbo?

teleschau: Sie selbst leben inzwischen in Berlin. Mit Allgäuer Idylle hat das, meint man, wenig zu tun.

Knaup: Ach, wir sind gerade ein Stück rausgezogen, raus aus Kreuzberg. Wir haben einen Garten, sogar mit Kiwis. Berlin ist sehr grün, sehr wässrig, hat aber nur eben keine Hügel und Berge. Berlin kann sehr schön sein. Flach, aber schön ...

teleschau: Warum leben Sie inzwischen dort und nicht irgendwo auf dem Land?

Knaup: Ich habe mich dafür entschieden, weil ich mich von meinem Berufsverständnis her immer einem Spiegel der Gesellschaft stellen wollte. In Berlin kommt, wie nirgendwo in Deutschland sonst, alles zusammen. Nicht nur zum Oktoberfest, sondern 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.

Quelle: teleschau - der mediendienst