Ich fühl mich Disco

Ich fühl mich Disco





Zwischen Schlager und Schwimmhalle

Letztes Jahr im Herbst zeigten ausgewählte Kinos "Dicke Mädchen" von Axel Ranisch. Es ging nicht um Mädchen, sondern um zwei Männer und ... um Ranischs Oma. Gekostet hat der Liebesfilm gute 500 Euro, und er eroberte etliche Festivals, angefangen bei den Hofer Filmtagen 2011. Ranisch ist ein besonderer Filmemacher, der aus einem Eierkarton Kunst macht. "Dicke Mädchen" verwirrte, um dann zu Herzen zu gehen. Sein neuester Film "Ich fühl mich Disco", der beim Filmfest München Premiere feierte, amüsiert erst, um einem dann fast das Herz zu brechen. Da stellt sich jetzt schon die Frage, was bei Ranischs nächstem Werk passiert.

Rosa von Praunheim ist ein bisschen schuld, dass Axel Ranisch so bezaubernde Nischenfilme macht. Er war Ranischs Professor an der Hochschule in Potsdam und forderte: "Mach einen Film darüber, womit du dich auskennst." Daran hielt sich der Student auch nach seinem Abschluss 2011. Es gibt Parallelen zur eigenen Jugend - und doch, sagt Ranisch, haben seine beiden Hauptdarsteller in den vier Jahren, in denen er an der Idee "Ich fühl mich Disco" arbeitete, eine eigene Dynamik eingebracht, Charme und Humor. Das sagt man immer, aber wenn das Team intuitiv ohne Drehbuch improvisiert, stimmt es.

Heiko Pinkowski entwickelt sich zum Herzstück des Unternehmens. Der Schauspieler, ehemalige Krankenpfleger und LKW-Fahrer gehört neben der Produzentin und dem Kameramann zur hauseigenen Firma "Sehr gute Filme", spielte schon bei "Dicke Mädchen" mit und ist nun das Oberhaupt der Familie Herbst. Als ambitionierter Turmspringlehrer Hanno reagiert er gereizt auf seinen Sohn Flori (Frithjof Gawenda), der unsportlich ist und so gar nicht will wie er. Der Teenager mag Schlager und wünscht sich ein Klavier, keine gern diskutierten Themen in einem Haushalt, in dem Männlichkeit Trumpf ist. Vater und Sohn kommen immer seltener übers Hallo hinaus, bis der Streit losbricht - so sehr Mama Monika (Christina Große) auch interveniert. Die beiden sind zu verschieden.

Ranisch erzählt eine Vater-Sohn-Geschichte zweier schrulliger Typen, die enger zusammenrücken, als es ihnen recht ist. Schwimmschüler Radu (Robert Alexander Baer) spielt dabei eine besondere Rolle. Zu unerwarteter Emotionalität gesellen sich künstlerische Momente, die gewöhnungsbedürftig sind, vielleicht auch durchgeknallt. Aber sie funktionieren. Bei "Dicke Mädchen" gab es die auch schon, vorwiegend als wilde Tanzszenen. Hier geht der Regisseur weiter und holt sich einen echten Schlagersänger ins Boot: Christian Steiffen, Idol des dicken Jungen. Was Ranisch zelebriert, ist vielleicht eine Frage des Humors. Aber: Wie er die Lieder auf die Szenen legt, sodass ihnen, gerade noch Richtung Ballermann unterwegs, plötzlich Melancholie innewohnt, das ist großes Kino. Und wie er seine Figuren echt macht ebenso.

Wundert man sich gerade noch, wie schräg die Szenerie ist, wird man von plötzlicher Wahrhaftigkeit überrollt. Keine Ahnung, wie Axel Ranisch das macht, wie er auch finanziell aus einem Stecknadelkopf einen Elefanten formt, aber er kann es, und es macht unglaublich viel Spaß, das Ganze zu beobachten.

Wer sich als Absolvent wünscht, dass sein Prof in seinem Film auftritt, sollte sich an "Ich fühl mich Disco" ein Beispiel nehmen. Denn bei einer Idee, die so gut ist, kann auch ein Rosa von Praunheim nicht widerstehen. So einfach ist das. Axel Ranisch wird nicht unentdeckt bleiben und sich in den nächsten Jahren im deutschen Kino etablieren.

Wenn der 30-Jährige sagt "Der Film ist eine große Liebeserklärung: an meine Jugend, an meine Heimat Lichtenberg und an meinen Papa. Und keine Sorge, Mama, du kommst auch noch dran!", dürften alle, die "Ich fühl mich Disco" gesehen haben, gerührt sein und hoffen. Womöglich wird Ranisch sogar mal einen Film drehen, der ein vierstelliges Budget sprengt.

Quelle: teleschau - der mediendienst