Inside WikiLeaks - Die fünfte Gewalt

Inside WikiLeaks - Die fünfte Gewalt





Keine Enthüllungen

Der WikiLeaks-Film? Welcher denn? Der fiktionale? Der sei doch eher ein Anti-WikiLeaks-Film. Basierend auf zwei grottenschlechten Büchern. Regisseur Bill Condon hätte das nachgedrehte Interview mit Julian Assange gar nicht an seinen Film anhängen müssen, um das Publikum wissen zu lassen, was der WikiLeaks-Gründer von "Inside WikiLeaks - Die fünfte Gewalt" hält. Als Hollywood-Propaganda bezeichnete Assange den Film auf seiner Plattform, als "erbärmlich" und "verdorben", als "Endprodukt von politischem Opportunismus, Beeinflussung, Rache und, allen voran, Feigheit". Dabei springt Bill Condon mit Assange und WikiLeaks doch vergleichsweise recht freundlich um.

So erwähnt Bill Condon ("Dreamgirls") die Vorwürfe der sexuellen Nötigung, die zwei Schwedinnen gegen Julian Assange erhoben haben, lediglich in einer Texttafel im Abspann. Er gesteht Assange zu, von Geheimdiensten verfolgt worden zu sein. Und er lässt sich nicht auf die Diskussion ein, ob WikiLeaks den enttarnten Whistleblower Manning im Stich ließ, die Alex Gibney im Sommer in seiner spannenden - ebenfalls von WikiLeaks geschmähten - Dokumentation "We Steal Secrets: Die WikiLeaks Geschichte" anstieß. Stattdessen konzentriert sich Condon auf die großen Enthüllungen durch die Plattform - und den Zerfall einer Freundschaft.

Denn eines der beiden "grottenschlechten Bücher", auf denen Josh Singer sein Drehbuch aufbaute, stammt von Daniel Domscheit-Berg. Der Informatiker galt einst als deutscher Sprecher von WikiLeaks, und wird von seinem ehemaligen Mitstreiter nun als "ein fader deutscher IT-Arbeiter" bezeichnet, der bei all dem "gar nicht dabei gewesen" wäre - eine Behauptung, die von mehreren WikiLeaks-Weggefährten widerlegt wurde.

"Inside WikiLeaks" zeigt, wie der damals noch unverheiratete Daniel Berg (Daniel Brühl) sich Julian Assange (Benedict Cumberbatch) anschloss, fasziniert von der Idee, vom Laptop aus den Mächtigen auf die Finger zu klopfen. Fasziniert auch von dem Mann, der nur für diese Idee zu leben scheint und mit großem Charisma andere für diese Idee zu begeistern weiß. Der jedoch auch Kritiker mit entwaffnender Arroganz zum Verstummen bringen kann. Jeden Schnipsel Filmmaterial, den er über den echten Assange in die Finger bekommen konnte, studierte Benedict Cumberbatch in Vorbereitung auf die Rolle, um dessen Bewegungen, Mimik und Sprachmelodie genau imitieren zu können. Letzteres geht in der Synchronfassung natürlich verloren.

Gemeinsam triumphieren Berg und Assange über die Anwälte der Schweizer Julius Baer Bank, die WikiLeaks nach der Veröffentlichung bankinterner Daten einstampfen wollten, machen krumme Geschäfte der isländischen Kaupthing-Bank öffentlich und entzweien sich schließlich über WikiLeaks' großem Coup, der Veröffentlichung der so genannten War Logs. Von Enthüllung zu Enthüllung rauscht der Film, der durch Kameraführung, Schnitt und Elektrosoundtrack immer große Hektik ausstrahlt. Bill Condon kratzt immer nur an der Oberfläche, überschüttet das Publikum dabei aber dennoch mit Daten und Ereignissen.

"Inside WikiLeaks" sei keine Dokumentation und wolle auch keine sein, betonte Bill Condon immer wieder. Doch der Thrillers, der dem Regisseur vorschwebte, ist "Inside WikiLeaks" leider auch nicht geworden. Dass der Film nie so richtig packt, wie beispielsweise 2010 "The Social Network" packte, liegt ironischerweise vor allem daran, dass Bill Condon es tunlichst vermeidet, mit seinem Werk irgendeine Position zu Assange oder dessen Wirken zu beziehen. Stattdessen werden in stark besetzten (unter anderem Laura Linney, Stanley Tucci, Moritz Bleibtreu, Alicia Vikander), aber schwach ausgearbeiteten Nebenhandlungen Argumente für die eine und die andere Seite gegenübergestellt. So lang, bis irgendwann beide Plädoyers sehr belehrend und nahezu pathetisch klingen. Der Wirbel, den WikiLeaks um den Film machte, scheint also nicht wirklich gerechtfertigt.

Quelle: teleschau - der mediendienst