Der Teufelsgeiger

Der Teufelsgeiger





Paganini in Love

Selten war ein Filmplakat so stimmig wie dieses: Mit verträumtem, leicht verhangenem Blick streicht David Garrett seine Geige, und die Unterzeile behauptet: "David Garrett ist Niccolò Paganini". Naja - er ist es nicht, er spielt ihn bloß. Schwer genug, denn der berühmte Paganini muss ein grandioser Geiger gewesen sein und ein hervorragender Komponist. Aber sein Genie wurde bereits im Lauf seines Lebens von Legenden und Mythen überlagert. Es wurden ihm nicht nur zahlreiche Frauengeschichten untergeschoben, sondern gar Morde, deretwegen er im Gefängnis gesessen haben soll. Zudem sollte er mit dem Satan im Bunde gestanden haben. Wenn sich der 33-jährige Klassik- und Crossover-Spezialist David Garrett jetzt mit Paganini gleichsetzt, findet er allerdings andere Begründungen - er sieht den Virtuosen aus dem 19. Jahrhundert als Bruder im Geiste, aber eben auch als Geiger vom anderen Stern. Ganz so wie sich selbst. Herausgekommen ist mit dem Biopic "Der Teufelsgeiger" ein Künstlerdrama, das vor Klischees nur so strotzt. Frauengeschichten, Spielsucht, Liebe, künstlerischer Erfolg.

Garrett selbst und seine Produzenten sahen die Parallele, mag sie auch noch so sehr an den Haaren herbeigezogen sein: Da wurde ein Kind damals wie heute, 200 Jahre danach, von früh morgens bis abends spät zum Geigenspiel getrieben. Dann schaffte es sich als Erwachsener eine derart große Popularität, dass es auch jene Massen - besonders weiblichen Geschlechts - in die Konzerte zog, für die das Violinspiel sonst ein Gräuel war.

Frauen sollen bei Paganinis Geigenspiel ja hingeschmolzen und gar zu hunderten ohnmächtig geworden sein. Ein Vorläufer heutiger Rockstars, sozusagen. Im Film bringt es Veronica Ferres, die hier eine Londoner Opernsängerin und Geliebte eines Impresarios spielt, zweifellos auf den Punkt: "Er kann ganze Concerti alleine auf der G-Saite spielen!", berichtet sie ihrem Mann. Irgendwie ist da wohl auch der G-Punkt gemeint. Dem Gemahl droht sie im Schlafgemach denn auch: "Wegen ihm könnte ich dich verlassen!"

Dem Teufelsgeiger sind da bereits die unglaublichsten Legenden vorausgeeilt, die Sängerin hat es in der Zeitung gelesen. So empfiehlt sie, den Berühmten nach London zu holen - koste es, was es wolle. Und was es kostet: Schließlich hat Paganini, zumindest im Film, mit seinem Manager (Jared Harris) eine Art Teufelspakt geschlossen - Ruhm und Reichtum gegen absolute Treue. Nicht nur, dass der Impresario bald Hab und Gut verpfänden muss - Paganini findet auch an seiner Tochter Gefallen, es grüßt Goethes Gretchen.

Ein Schuft aber, der dabei Schlechtes denkt: Niccolo verliebt sich wirklich unsterblich in die schöne Maid (Andrea Deck), er bringt mit ihr, auf seiner Geige spielend, wunderbare Arien zu Gehör. Garrett ist hier also hier kein erotischer Gierhals wie noch Kinskis in seinem "Paganini" von 1989. Garretts Image als Mamas Bester gerät also nicht in Gefahr, auch wenn es mancherlei Bettszenen gibt und der Film damit als TV-Weihnachtsmehrteiler stark gefährdet sein könnte.

Das Gefühl, dass die tüchtigen Kostüm- und Bühnenbildner von der Bavaria und vom ORF beim historischen Bilderbogen trotz Zehn-Millionen-Etats immer wieder an ihre Grenzen stießen, wird man als Zuschauer nie so richtig los. Alleine die protestierenden Suffragetten im Londoner Nebel sind als Einfall ganz nett. Hier kommt zum Vorschein, was vielleicht Paganinis Tragödie war: dass der Künstler hinter dem falschen Mythos verschwand. Und, ach schade - auch der Genius Paganinis wird nie so richtig greifbar und wahr. Die Künstler-Parallele Garrett - Paganini: geschenkt. Da mag der Star noch so sehr verhangenen Blicks in die Leere schauen. Mit dem Crossover von Konzert und Film ist Garrett vorhersehbar in einer Sackgasse gelandet. Oder sollte es ein einziger großer PR-Gag sein?

Quelle: teleschau - der mediendienst