Die Nonne

Die Nonne





Gott kann nichts dafür

Nonnenküsse hinter den Klostermauern. Erniedrigungen, seelische Grausamkeit. Die konsequente Reise zu Gott, sichergestellt durch ein Gefängnis, das keine weltlichen Einflüsse erlaubt. Ein Leben in Scheinheiligkeit. Noch heute riecht das nach Skandal. Für um so mehr Aufsehen sorgte Ende des 18. Jahrhunderts Denis Diderots Roman "Die Nonne", der zunächst in Deutschland und erst nach der Revolution in Frankreich veröffentlicht wurde. Verfilmt wurde das Buch mehrfach, unter anderem 1966 unter der Regie von Jacques Rivette mit Anna Karina in der Titelrolle sowie Liselotte Pulver. Bei der Berlinale im Februar wurde eine neue Version der Öffentlichkeit gezeigt: Der Regisseur Guillaume Nicloux, der zusammen mit Jérôme Beaujour auch das Drehbuch schrieb, blieb mit seiner Interpretation jedoch meist nah beim Original.

Es ist ein starkes Bild, wenn Isabelle Huppert als Mutter Oberin im Kloster St. Eutrope ins Bett der jungen Nonne schlüpft. Die Sehnsucht nach Erotik schwingt mit, doch vor allem ist es Wärme, nach der sich die deutlich ältere Mutter Oberin sehnt. Starke metaphorische Szenen wie diese, mit Aufnahmen von geradezu ungeheurer Kraft, gibt es zuhauf in diesem dennoch niemals lauten oder gar pathetischen Biopic.

Guillaume Nicloux macht immer wieder deutlich, was er will: Der Kern des Romans steht im Mittelpunkt, Nebenschauplätze werden nur selten bespielt. Es geht um die Sehnsucht nach Freiheit einer jungen Frau, um den langen Weg zur Rebellion, um den Umgang mit Hierarchien. Dabei ist "Die Nonne" keineswegs ein vordergründig religionskritischer Film. Gott hat keine Schuld am Leben der jungen Suzanne Simonin. Alles, was sie erleiden muss, ist von Menschen gemacht.

Ihre Geschichte beginnt im Frankreich des Jahres 1765. Suzanne (Pauline Étienne) stünde ob ihres Intellekts und ihres Aussehens eine vielversprechende Zukunft bevor. Doch sie ist ein uneheliches Kind ihrer Mutter (Martina Gedeck). Die entschließt sich, auch um ihre eigene Schuld zu tilgen und die tägliche Konfrontation mit ihrer Vergangenheit zu verhindern, ihre Tochter in ein Kloster zu geben. Suzanne unterwirft sich. Wie sie es auch in der Folge immer wieder tun wird. Denn die Erniedrigungen im vermeintlichen Auftrage reichen bis unters Büßerhemd. Langsam, ganz langsam erwacht die Rebellin.

Suzanne sucht den Konflikt. Schließlich wird sie in ein anderes Kloster verlegt, wo sie an eben jene Mutter Oberin gerät, die aus ihrer Zuneigung zu dem jungen, attraktiven Mädchen irgendwann keinen Hehl mehr macht. - Roman, die Verfilmung von 1966 und nun dieser Film - sie alle haben ein anderes Ende. Guillaume Nicloux ließ die Freiheit siegen. Ein sicher erlaubter Eingriff in die Geschichte, wenngleich diese dadurch am Ende etwas an Kraft, an Nachhaltigkeit verliert.

Weite Teile des Films wurden in Deutschland gedreht. Nicht nur deshalb wünscht man diesem leidenschaftlichen Plädoyer für die Freiheit und die Toleranz trotz ihres durch und durch französischen Looks auch hierzulande einen Erfolg.

Quelle: teleschau - der mediendienst