Mein Weg nach Olympia

Mein Weg nach Olympia





Das Streben nach Glück

Niko von Glasow ist kein Regisseur wie jeder andere. Er kam mit kurzen, verkrüppelten Armen auf die Welt - seine Mutter hatte in der Schwangerschaft Contergan genommen. Zu seinem Körper hatte er lange ein gespaltenes Verhältnis. Als Kind trug er oft ein Cape, um seine Arme zu verdecken. Spätestens mit seiner preisgekrönten Dokumentation "Nobody's perfect" (2008), für die er sich vor der Kamera zusammen mit anderen Behinderten entblößte, hat er mit seinem Äußeren Frieden geschlossen. Als Filmemacher sucht Niko von Glasow Anerkennung durch das, was er tut - genauso wie jene körperbehinderten Sportler, die er in seinem aktuellen Film auf brillante Weise porträtiert: "Mein Weg nach Olympia".

Niko von Glasow interessiert sich nicht für Sport - oder wie er es sagt: "Sport sucks!" Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen, um einen Film über Athleten zu machen, die Großes vorhaben: die Teilnahme an den Paralympics in London 2012. Auch sind ihm diese Spiele zutiefst suspekt. Vermutet er doch, es handle sich nur um eine große "Feel-Good-Show" für die Nichtbehinderten, die vorgeblich Gutes tun und sich dabei gönnerhaft auf die eigene Schulter klopfen.

Aus seinen ketzerischen Ansichten macht Regisseur von Glasow auch im Film keinen Hehl - er konfrontiert die Athleten sogar damit. Und siehe da, seine unverblümte, direkte und unbequeme Art, an die Menschen heranzugehen, macht diesen Film zu einer Offenbarung. Selten hat man das Glück, auch als Zuschauer, Menschen so nahe zu kommen.

Das ist zum Beispiel der begnadete Bogenschütze Matt Stutzman, ein Amerikaner durch und durch, mit einem Faible für Waffen, die auch seine kleinen Jungs schon herumtragen dürfen. Doch das ist eine andere Geschichte. Matt schießt mit dem Fuß, besser als jeder andere, und als Niko von Glasow es ihm nachmachen will, kann er nur scheitern.

Auch die deutsche Schwimmerin Christiane Reppe, die durch einen Tumor ihr Bein verloren hat, ist eine der Besten der Welt. Ehrgeizig ist sie, anders geht es nicht, ihr Leben hat sie dem Sport gewidmet. Niko von Glasow hat sich eine schöne Szene ausgedacht: Wie er mit ihr auf dem betonierten Balkon am Rande von Berlin sitzt, Pfannkuchen isst und fragt, ob sie glücklich sei. "Meistens schon", kommt die Antwort. Aber die Kamera schaut länger hin, und von Glasow lässt ihr dabei viel Raum. Jeder begreift, dass hier letztlich auch ein Mensch sitzt, der nicht immer stark und unbesiegbar ist, sondern auch voller Angst vor dem Scheitern oder, anders formuliert, davor, doch nicht gut genug zu sein für diese Welt.

Niko von Glasow besucht die insgesamt vier verschiedenen Athleten beim Training, aber auch daheim, erlebt sie mit ihren Familien. Er montiert die Begegnungen nach Lust und Laune, später schneidet er Bilder von den Paralympics dazwischen. Und jeden der Athleten inszeniert er, in Slow Motion und untermalt von heroischer Musik, im Moment höchster Konzentration. Am Ende hat es ihm der Sport also doch noch angetan, dabei ist er nur Mittel zum Zweck. Denn "Mein Weg nach Olympia" ist mehr als eine Sportler-Doku: Es ist ein wunderbar sensibler und charmanter Film über die zutiefst menschliche Suche nach Glück und Anerkennung.

Quelle: teleschau - der mediendienst